Der
Weg führt zurück in meine Kindheit. Ich war als kleiner Junge etwa 7 Jahre alt. Man schrieb das Jahr 1927. Die Anrede von
uns Kindern war damals nicht wie heute zum Beispiel Frau Meier, Herr Volker usw.; wir sagten Meier`s Mutter, Volker´s Vater usw. Die Nachnamen wurden zuerst genannt, dann Mutter
oder Vater. Bei einer Unterhaltung von Frauen aus der Nachbarschaft hörte ich, daß Meier`s Mutter, (die Mutter von Altbürgermeister Fritz Meier) Lampen Mutter und weitere Frauen
nach Badenstedt wollten - natürlich auf Schusters Rappen (zu Fuß). Einige Frauen aus Lenthe würden auch mit nach Badenstedt gehen, auch Weschen Mutter wäre dabei (die Mutter
von Karl Weschen aus Lenthe).
Bei dieser Unterhaltung fiel das Wort "Reichsbund". Sollte das wohl mit Bonbons oder Schokolade zu tun haben ? Unter Reichsbund konnte ich mir als Kind nichts vorstellen.
Im späteren Leben sollte es für mich ein nicht mehr wegzudenkender Begriff sein.
Mit meinen Schulkameraden erlebte ich eine schöne, aber bescheidene und arbeitsreiche Jugend. Mit den Lenther Kindern haben wir das Schwimmen in der Steinkuhle gelernt; Konfirmandenunterricht
war für beide Orte in Lenthe. Einige Jahre der fröhlichen Jugend waren uns nur vergönnt. Ein letzter gemeinsamer Tag des Jahrganges 1920 war für uns
Northener und Lenther unsere gemeinsame Musterung am 21. Juli 1939 in Gehrden - Rote Schule.
Etwas stolz waren wir über das Musterungsurteil " Tauglichkeit aller Waffen" . Ausgiebig haben wir dann bis zum Morgengrauen gefeiert. Doch schon 6 Wochen später war
der 1. September 1939 und der Krieg begann. Wir spürten eine gewisse Beklemmung; mit 19 Jahren war unsere Jugend dahin. Ein jeder von uns musste im Krieg seine eigenen Weg gehen.
Die Wege waren für uns nicht leicht.
Nach dem Krieg zogen wir Überlebenden eine traurige Bilanz. Mit voller Gesundheit ist kaum einer zurückgekehrt. 1945 erinnerten wir uns an ein bekanntes Wort von dem Gottessohn,
der sich selbst helfen sollte. Witwen ohne Kinder und Kriegsbeschädigte bekamen nichts.
Im März 1947 kam der junge Kriegsbeschädigte Friedrich Klotzek aus Lenthe und erzählte etwas über den Reichsbund. So hatte ich dieses Wort nach 20 Jahren wiedergehört. Es ist
bis heute ein wegbegleitender Begriff geblieben. Die kleinen Orte Lenthe und Northen verdoppelten 1945 - 1946 ihre Einwohnerzahl. Von den neuen Miteinwohnern stammen viele aus den
Ostgebieten und waren Kameradinnen und Kameraden, die außer der Heimat auch Ehemann und Gesundheit verloren hatten. Mehrere Fliegergeschädigte aus Hannover fanden auch eine
Bleibe in unseren beiden Orten. Durch all das gemeinsame Leid entstand bald eine echte Kameradschaft.
Wie am Anfang erwähnt, waren aus Northen und Lenthe schon Kriegerwitwen nach dem ersten Weltkrieg in einer Badenstedter Reichsbund - Ortgruppe Mitglied. Die Reichsbund -
Gründung in Berlin war schon am 23. Mai 1917 erfolgt, die erste Tagung in Weimar fand am 31. März und 1. April 1918 statt. Von der Gründung in Berlin bis zum 1. April 1918 war
der Name der Organisation " Bund der Kriegsbeschädigten und ehemaligen Kriegsteilnehmer" , ab 1. April 1918 erstmalig Reichsbund der Kriegsbeschädigten und
ehemaliger Kriegsteilnehmer" . Während des 2. Reichsbundtages in Würzburg im Mai 1920 dann der Name " Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und
Kriegshinterbliebenen". So blieb der Name bis zur Auflösung am 31. Mai 1933 Die Wiederbegründung nach dem 2. Weltkrieg war in Hamburg am 21. April 1946. Auf dem 1. Bundestag
in Bad Sachsa wurde der neue Name beschlossen: " Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen " hieß er nun.
Im Landkreis Hannover war die Gründungsversammlung am 21. Dezember 1946 in Empelde. Unser Mitbegründer Hermann Kreisch war schon Ende 1946 Mitglied in Hannover. Mit unserem
Kameraden Friedrich Klotzek sprachen wir nun in Lenthe und Northen Kriegsbeschädigte, Kriegerwitwen und Kriegereltern an. Der entscheidene Durchbruch war die Kreiskonferenz in
Egestorf am 13. Juni 1947. Uns wurde deutlich gemacht, das nur eine " Große gemeinschaft" unsere berechtigten Vorderungen durchsetzen könne. Wir wählten den "Altreichsbündler"
Adolf Flachsbart aus Egestorf zum 1. Kreisvorsitzenden, als 2. Vorsitzenden Günter Jülke aus Goltern. Zu dieser Tagung ging es per Fahrrad. Manch einer musste die Luftpumpe
unterwegs mehrer male gebrauchen. Ja, das waren noch Zeiten! Herr Regierungsrat Ernst vom Versorgungsamt Hannover führte uns mit seinem Vortrag in die Versorgungs-Wissenschaft
ein, denn wir jungen Kriegsversehrten mussten noch viel lernen, Vom Regierungsrat Ernst haben wir noch etliche Vorträge auf Kreistagungen gehört.
In Lenthe und Northen ging es mit der Mitgliederwerbung und Arbeit zügig voran. Im Nachbardorf Everloh bestand auch Interesse am Reichsbund. Es entstand ein loser Zusammenschluss dieser drei Ortschaften. Die ersten drei Mitgliedsbücher erhielten im Juni 1947: Hermann Kreisch, Friedrich Klotzek, Helmut Nettelmann, Kurt Heisinger, Fritz Grimme jun. und
Frau Eckhold aus Everloh. Schon einige Monate später traten ein: Herta John am 1. September 1947, Gerhard Görlich am 1. Januar 1948, Paul Tanski am 1. Februar 1948, Lina Plate am
1. September 1948. Schon bald waren wir 25 Mitglieder. Damals hatten wir noch keinen Vorstand im heutigen Sinne. Friedrich Klotzek kassierte die Monatsbeiträge von 0,50 DM. Wir
trafen uns oft in Northen, Lenthe oder Everloh. Friedrich Klotzek berichtete uns dann über Neuerungen aus dem Kreis. Im Kreis geschah auch alles durch ehrenamtliche
Tätigkeit. Mit Fritz Müßig hatten wir den 1. Kreisgeschäftsführer ab 1. März 1950 in der Falkenstraße.
In den ersten Nachkriegsjahren legten wir alle Wege mit dem Fahrrad zurück; viele intensive Kleinarbeit mußte damals geleistet werden. Besonders durch das Bundesversorgungsgesetz
1950 gab es viel Arbeit und auch viele Beitritte zu unserer Ortsgruppe. Wir haben diese Arbeit gern getan. Friedrich Klotzek zog 1956 nach Hannover. Unsere Mitglieder aus Everloh
waren schon aus organisatorischen Gründen der Ortsgruppe Benthe zugeordnet. Vom Kreis wurde nun bestimmt, das ein geschäftsführender Vorstand zu wählen sei. So wurde 1956
Fritz Grimme sen. zum 1. Vorsitzenden gewählt, Hermann Kreisch wurde 2. Vorsitzender, Helmut Nettelmann Schriftführer, Gerhard Görlich Hauptkassierer und Kurt Heisinger
Hirnverletztenbetreuer. Nach dem Tode des 1. Vorsitzenden Fritz Grimme wurde 1965 ein neuer Vorstand gewählt mit Hermann Kreisch zum 1. Vorsitzenden, Fritz Riekeberg wurde
2. Vorsitzender, Gerhard Görlich Hauptkassiere und Helmut Nettelmann Schriftführer. Kurt Heisinger war weiterhin Hirnverletztenbetreuer.
In diesen Jahren fanden unsere Versammlungen abwechselnd in den Gaststätten Böcker und Städtler statt, in Northen auch mal bei Westphals. Unsere Ortsgruppe sollte nicht nur eine
ernste , sondern auch eine fröhliche Gemeinschaft sein. Ein Gemeinschaftsessen gehörte damals bei Versammlungen dazu. Bei Städtlers und Bökers war es immer reichhaltig und gut.
Mit den nötigen Getränken stieg dann auch mal die Stimmung. Unsere 1. größere Feier war das 10 Jährige Bestehen unserer Ortsgruppe 1957. Bei den Versammlungen war fast immer
der Kreisgeschäftsführer Fritz Müßig anwesend und berichtete über den neuesten Stand der Sozialgesetzgebung und Kriegsopferversorgung. In diesen Jahren kamen auch die ersten Anregungen
für eine Busfahrt. Jeweils abwechselnd in Northen und in Lenthe wurde ein Kranz zum Volkstrauertag am Ehrenmal niedergelegt.
Ein größeres Erlebnis war die Kreistagung in Barsinghausen zur 10-jährigen Widergründung des Reichsbund-Kreises Hannover-Land. Der 1. Bundesvorsitzende Senator a.D. Paul
Neumann aus Hamburg hielt die Festansprache. Von unserer Ortsgruppe waren der Vorstand und einige Mitglieder dabei.
Eine Busfahrt sei in Erinnerung gerufen. Im strömenden Regen kamen wir bei der " süßen Mutter" in der nähe von Bad Eilsen an; es wurde dann ein Dauerregen. Zum Glück
war dort flotte Musik, auch der Seelzer Gesangsverein war dort eingekehrt. Zum Schluss wurde es ein nicht geplantes prima Tanzvergnügen. Höhepunkt war das "Dirigieren"
von Wanda Agelweh zum Lied " In Northen sind de Zwetschen reipe" . Damals waren wir noch etliche Jahre jünger. Eine der ersten Fahrten führten zum Forellenessen nach Hermeringen bei Hameln. Im freien wurde nach dem Mittagsessen einig Lieder gesungen. Klappen mußte es ja, denn auch einige Sangesbrüder waren unsere Mitglieder.
Nun wurde in jedem Jahr eine Busfahrt durchgeführt. Es ging in den Harz, an die Weser, in die Heide, nach Kassel, Cloppenburg, Paderborn, Celle, Lüneburg, Gifhorn, Braunschweig
mit Elm, Duderstadt, Hamburg, Bremen, Hannoversch-Münden, Teuteburger Wald mit Hermanns Denkmal, Wiesmoor mit Bad Zwischenhahn. Nach der Wiedervereinigung ging es auch in den
Ostharz. Wir waren in Wernigerode, eine Fahrt ging zum Kyffhäuser. Unsere Ortsgruppe hat somit die schöne nähere und weitere Umgebung der Heimat kennen gelernt.
Heute sind die Fahrten etwas ruhiger geworden. Es gibt ein gutes Mittagessen, und nach dem gemeinsamen Kaffee treten wir nach einem Spaziergang die Heimfahrt wieder an.
Seit die beiden Gaststätten in Lenthe geschlossen sind, finden die Versammlungen in der alten Schule in Lenthe statt. Meine kleine Wegbegleitung soll mit dem Wunsch für unsere
Ortsgruppe " Glück-Auf " für alle Zukunft enden.